Ich wurde beklaut
Ich gebe ehrlich zu, dieser Newsletter fällt mir nicht leicht, ich habe tatsächlich eine ganze Weile überlegt, ob ich ihn überhaupt schreiben soll. Denn auch wenn ich hier immer wieder Persönliches mit euch teile, geht dieser Gedankengang noch einmal ein Stück tiefer – er macht mich verletzlich, so zumindest mein Gefühl.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich ihn trotzdem mit dir teilen möchte.
Denn in den vergangenen Monaten ist etwas passiert, das mich sehr getroffen hat. Etwas, das mir – wenn ich ehrlich bin – in unterschiedlichen Formen schon mein ganzes Leben begegnet:
Meine Arbeit wurde kopiert oder auch geklaut…
Das begann schon zu meiner Zeit als Tanzpädagogin. Choreografien, die ich entwickelt hatte, wurden abgefilmt und an anderer Stelle aufgeführt. Ideen für Veranstaltungen wurden übernommen. Später waren es Übungen, Konzepte und Inhalte.
Und natürlich weiß ich: Niemand erfindet das Rad ständig neu, auch ich schaue mich auf dem Markt um.
Übungen, die es im LINK MOVES®-Konzept gibt – einen Ball hin und her zu werfen, eine Überkreuzbewegung zu machen oder bestimmte Bewegungsabläufe einzusetzen – all das gab es lange vor mir und wird es auch lange nach mir geben.
Aber aus all diesen Bausteinen ist über viele Jahre mein eigenes Ding entstanden. Meine Methode und meine Art zu arbeiten – mein LINK MOVES®.
Darin stecken inzwischen weit mehr als 15 Jahre Erfahrung, unzählige Aus- und Fortbildungen, sehr viel Zeit und Geld – noch mehr Herzblut! Erfolge und Misserfolge, Neugier, Ausprobieren, Verwerfen und Weiterentwickeln. Und natürlich steckt darin auch etwas, das man schlecht in Worte fassen kann:
Mein ganz persönlicher Heidrun-Link-Spirit.
2020 während der Covid-Pandemie (ein leider denkbar ungünstiger Zeitpunkt für eine Buchveröffentlichung) erschien mein erstes Buch Gehirn an – Stress aus.
Und nun musste ich feststellen, dass Teile daraus tatsächlich eins zu eins übernommen und von einer selbständigen Trainerin, die sich nicht von mir hat ausbilden lassen, für eigene Seminare und die Ausbildung von Multiplikatoren verwendet wurden.
Nicht ähnlich – nicht davon inspiriert, sondern wirklich eins zu eins übernommen, kopiert – geklaut!
Und wisst ihr was?
Das hat etwas mit mir gemacht.
Mehr, als ich zunächst wahrhaben wollte.
Natürlich habe ich mich beraten lassen und rechtliche Schritte geprüft und eingeleitet. Doch irgendwann steht man vor der Frage, wie weit man gehen möchte. Ich könnte kämpfen, ich könnte vor Gericht ziehen, ich könnte sehr viel Zeit, Kraft und Energie hineinstecken.
Aber ich habe gemerkt:
Das bin nicht ich! Das passt nicht zu mir!
Nicht, weil mir meine Arbeit nicht wichtig genug wäre – ganz im Gegenteil.
Sondern weil ich weiß, wie viel Kraft mich ein solcher Kampf kosten würde. Kraft, die mir dann dort fehlt, wo ich sie eigentlich einsetzen möchte: für meine Arbeit, für meine Ideen und vor allem für die Menschen, mit denen und für die ich arbeite.
Und trotzdem möchte ich nichts schönreden.
Es hat mich tief erschüttert.
Es hat mich wütend gemacht.
Es hat mich traurig gemacht.
Und ja – für einen Moment waren sogar Gedanken da wie:
Warum mache ich das eigentlich alles?
Warum investiere ich über Jahre Zeit, Geld, Mut, Energie und Herzblut in etwas Eigenes, wenn jemand anderes sich einfach bedienen kann?
Alle, die selbstständig sind oder schon etwas aus eigener Kraft auf die Beine gestellt haben, kennen vielleicht dieses Gefühl. Man beginnt sprichwörtlich mit einem weißen Blatt Papier, man baut etwas auf, von dem man am Anfang überhaupt nicht weiß, ob es funktionieren wird.
Es gibt gute Monate und schlechte Monate – es gibt eine Pandemie, die alles wieder im Keim erstickt, es gibt Zeiten wie gerade jetzt, in denen Seminare abgesagt und Budgets knapper werden.
Und trotzdem steht man morgens wieder auf und macht weiter.
Weil man an das glaubt, was man tut – Und dann kommt so etwas…
Das ist – ich finde gerade kein schlaueres Wort dafür – einfach gemein.
Warum kopieren wir eigentlich?
Diese Erfahrung hat bei mir einen Gedankengang ausgelöst, der weit über meine persönliche Geschichte hinausgeht und den ich sehr gerne teilen möchte.
Warum kopieren Menschen andere? Fehlt uns manchmal der Mut für das Eigene? Fehlt uns Kreativität?
Oder ist es schlicht bequemer, etwas zu übernehmen, das bei jemand anderem bereits funktioniert? Fragen über Fragen…
Vielleicht war es auch noch nie so einfach wie heute!?
Wir schauen jeden Tag auf Social Media, was andere tun. Wir sehen Konzepte, Texte, Bilder, Ideen, Übungen und Geschäftsmodelle. Ein paar Klicks – und schon liegt die ganze Welt der Ideen vor uns.
Und mit KI ist noch einmal eine völlig neue Dimension dazugekommen.
Versteh mich nicht falsch, ich finde KI großartig und nutze sie selbst. Sie kann uns inspirieren, beim Denken helfen, neue Perspektiven eröffnen und vieles leichter machen.
Aber sie stellt uns vielleicht auch vor eine neue Verantwortung.
Denn nur weil wir heute nahezu alles reproduzieren, umformulieren und neu zusammensetzen können, heißt das noch lange nicht, dass wir es auch tun sollten.
Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Aneignung? Und vielleicht noch viel wichtiger:
Wenn wir uns ständig bei anderen bedienen – wo bleiben dann eigentlich wir selbst?
Kopieren kann man vieles – aber nicht alles.
Menschen in meinem Umfeld haben zu mir gesagt: „Heidrun, sieh es doch als Kompliment. Wenn du kopiert wirst, zeigt das doch, dass du gute Arbeit machst.“
Und ja, ich verstehe diesen Gedanken nur fühlt es sich in dem Moment nicht wie ein Kompliment an. Anerkennung und Aneignung sind für mich zwei verschiedene Dinge, und trotzdem steckt darin ein Gedanke, der mir geholfen hat.
Denn irgendwann habe ich verstanden:
Man kann kopieren, was ich tue – aber man kann nicht kopieren, wer ich bin.
Man kann eine Übung übernehmen, kann einen Text übernehmen, kann eine Idee übernehmen – und ja wahrscheinlich kann man sogar ein ganzes Konzept nachbauen.
Aber niemand kann meine Erfahrungen kopieren, meine Geschichte, meine Haltung, meine Intuition, meine Begegnungen mit Menschen, meine Fehler, meine Ausbildungen, meine Umwege, meine Begeisterung und Beweggründe.
All das, was über viele Jahre dazu geführt hat, dass ich heute so arbeite, wie ich arbeite.
Und das gilt nicht nur für mich – Das gilt auch für dich!
Was machen wir mit einem Tiefschlag?
Denn vielleicht wurde dir noch nie etwas geklaut, doch vermutlich kennst du trotzdem dieses Gefühl, wenn dir das Leben plötzlich einen ordentlichen Tiefschlag verpasst.
Jemand behandelt dich ungerecht.
Du wirst enttäuscht.
Du bekommst eine Absage.
Jemand anderes erntet die Anerkennung für etwas, in das du viel investiert hast.
Ein beruflicher Plan funktioniert nicht.
Eine Freundschaft zerbricht.
Oder etwas geschieht, das du schlicht nicht ändern kannst.
Dann können wir unglaublich viel Energie darauf verwenden, dagegen anzukämpfen und ja, manchmal ist Kämpfen richtig und wichtig, jedoch manchmal dürfen wir uns auch eine andere Frage stellen:
Wie viel Macht gebe ich dem, was mir passiert ist und über das, was ich als Nächstes tue?
Diese Frage beschäftigt mich gerade sehr, denn ich habe für mich drei Dinge daraus mitgenommen, die ich sehr gerne mit dir teilen und an dich weitergeben möchte:
Ich darf verletzt sein.
Ich muss einen Tiefschlag nicht sofort positiv umdeuten. Ich muss nicht immer gleich sagen: „Wer weiß, wofür es gut war.“ Manchmal fühlt es sich einfach nicht danach an – denn wenn etwas wehtut, dann darf es erst einmal wehtun.
Ich darf entscheiden, wofür ich meine Energie verwende.
Nicht jeden Kampf, den ich führen könnte, muss ich führen. Einen Kampf nicht weiterzuführen bedeutet nicht automatisch, dass der andere recht hat. Sondern dass ich meine Energie bewusst für das einsetze, was mir wirklich wichtig ist.
Und schließlich:
Ich darf wieder zu mir zurückkommen.
Zu dem, woran ich glaube, zu dem, was ich kann, zu dem, weshalb ich irgendwann einmal angefangen habe. Vielleicht ist das gerade in unserer lauten, schnellen, manchmal ziemlich verrückten Welt wichtiger denn je. Nicht noch lauter werden, nicht noch schneller nicht ständig schauen:
Was machen die anderen? Wie machen sie es? Was funktioniert dort?
Sondern immer wieder die Frage:
Was ist eigentlich meins?
Was entspricht mir?
Wofür stehe ich?
Was möchte ich in die Welt bringen?
Denn wie schon gesagt können Menschen kopieren, was wir tun, aber nicht, wer wir sind. Und vielleicht ist genau das der Grund, immer wieder weiterzumachen.
Ich gebe zu: Ich bin mit dieser Geschichte noch nicht komplett im Reinen. Sie beschäftigt mich, sie tut an manchen Stellen noch weh und das ist okay.
Ich möchte diesen Newsletter deshalb gar nicht mit einer fertigen Weisheit beenden, sondern mit einer Frage an dich:
Was hat dich in letzter Zeit so richtig aus der Bahn geworfen?
Und wem oder was gibst du dadurch vielleicht noch immer mehr Energie, als es verdient? Was würde passieren, wenn du dir ein kleines Stück dieser Energie zurückholst? Nicht, indem du verdrängst, nicht, indem du es dir selbst schönredest, sondern indem du wieder ein Stück mehr zu dir zurückkommst.
Ich versuche genau das gerade auch und ich würde mir das auch für dich wünschen.
Und ich werde weitermachen.
Mit meinen Ideen.
Mit meiner Arbeit.
Mit meiner Begeisterung.
Und vermutlich auch mit ziemlich vielen neuen weißen Blättern Papier.