Meine Spickzettel, auf denen ich das ganze Jahr über Gedanken, Situationen aus Seminaren und spontane Newsletterideen notiere – die liegen in Stuttgart auf meinem Schreibtisch.
Und ich? Ich sitze gemütlich auf meinem Stuhl direkt am Strand und würde gerne einfach aufs Wasser schauen und die Gedanken vorbeiziehen lassen.
Stattdessen höre ich immerzu diesen Satz in meinem Kopf:
Dir muss doch jetzt etwas Geniales einfallen!!!
Und überhaupt frage ich mich gerade: Was ist denn bitte mit meiner Kreativität los?
Ich müsste es selbst am besten wissen
Wie war das nochmal… Der Schuster hat immer die schlechtesten Schuhe ;-)
Eigentlich müsste ich es selbst am besten wissen: Kreative Ideen und Gedanken lassen sich nicht erzwingen – schon gar nicht unter (Zeit)druck. Und doch ist es genau das, was ich gerade von mir selbst verlange.
Und irgendwann, nach ziemlich viel erfolglosem Denken, kam mir ein klarer Gedanke:
Warum muss mir eigentlich etwas einfallen? Die Welt wird nicht untergehen, wenn mir mal nichts einfällt und warum können Menschen „nichts“ erstaunlich schlecht aushalten?
Wann hast du das letzte Mal wirklich nichts getan?
Und mit nichts meine ich: NICHTS.
Nicht aufs Handy geschaut.
Keinen Podcast gehört.
Keine Nachrichten beantwortet.
Kein Buch gelesen.
Nicht nebenbei die Einkaufsliste im Kopf geschrieben.
Nicht versucht, besonders achtsam, entspannt oder produktiv zu sein.
Einfach nur dagesessen – vielleicht aus dem Fenster geschaut oder Löcher in die Luft gestarrt.
Seltsame Vorstellung?
Dabei gab es Zeiten, in denen solche kleinen Leerräume völlig normal waren.
Wir standen irgendwo und warteten, wir saßen im Zug und schauten aus dem Fenster, wir lagen auf dem Sofa und wir gingen spazieren, ohne etwas auf den Ohren zu haben.
Lückenbüßer Handy
Heute entsteht eine Lücke – und zack: Handy raus, nur mal eben schauen, nur mal eben eine Nachricht beantworten – nur mal eben, nur mal eben, nur mal eben…
Und schon bekommt unser Gehirn den nächsten Reiz. Doch unser Gehirn braucht nicht ständig eine Aufgabe und es ist kein Computer, den wir möglichst effizient auslasten müssen.
Ganz im Gegenteil!
Wie war das mit dem Ruhezustand im Kopf?
Wenn wir gerade keine konkrete Aufgabe bearbeiten, schaltet unser Gehirn nämlich keineswegs ab. Bestimmte Hirnregionen werden dann sogar besonders aktiv. In der Neurowissenschaft spricht man unter anderem vom Default Mode Network (DMN), auf Deutsch: Ruhezustandsnetzwerk oder Standardmodus-Netzwerk.
Dieses Netzwerk spielt eine wichtige Rolle, wenn unsere Gedanken wandern, wenn wir Erlebtes einordnen, über uns selbst nachdenken, Erinnerungen miteinander verknüpfen oder uns Zukünftiges vorstellen. Vereinfacht gesagt:
Wenn wir scheinbar nichts tun, passiert im Gehirn eine ganze Menge.
Und genau in solchen Momenten können Verbindungen entstehen, die unter ständigem Druck und permanenter Beschäftigung kaum eine Chance bekommen.
Vielleicht kennst du das:
Du grübelst ewig über ein Problem nach – keine Lösung.
Dann gehst du duschen oder spazieren (genau das habe ich gemacht).
Oder du sitzt irgendwo und schaust aus dem Fenster und plötzlich ist er da, dieser Gedanke, die kreative Idee oder, in meinem Fall, das aktuelle Newsletterthema.
Nichts denken hilft
Nicht, weil du noch angestrengter darüber nachgedacht hast sondern gerade, weil du damit aufgehört hast.
Für unser Stresssystem sind diese kleinen Lücken ebenfalls interessant und essenziell wichtig, denn unser Nervensystem verarbeitet den ganzen Tag Informationen,
Geräusche, Bilder, Gespräche, Nachrichten, Entscheidungen, Erwartungen, Termine, Gedanken.
Und sehr vieles davon bewerten wir – meistens völlig unbewusst, es passiert einfach:
Relevant oder irrelevant?
Sicher oder unsicher?
Muss ich reagieren oder nicht?
Doch unser Gehirn liebt im Grunde die Vorhersagbarkeit. Es versucht permanent einzuschätzen, was als Nächstes passiert und was von uns verlangt wird.
Und jetzt kommt etwas, das ich spannend finde und in den letzten Wochen und Monaten immer häufiger, bei den Menschen mit denen ich arbeite, wahrnehme:
Wir beklagen uns darüber, dass wir zu viel Stress haben – und sobald einmal nichts passiert, sorgen wir selbst dafür, dass wieder etwas passiert. Ist das nicht verrückt?!
Wir greifen zum Handy – wir öffnen Mails – wir suchen Beschäftigung – wir geben unserem Gehirn neuen Input – und da darf ich mir selbst immer wieder an die eigene Nase fassen!
Vielleicht haben wir deshalb nicht nur ein Stressproblem, vielleicht haben wir manchmal auch ein Leere-aushalten-Problem.
Und dann wäre da noch die Langeweile, über die ich ja immer wieder in meiner Arbeit, vor allen in meinen Vorträgen spreche. Langeweile hat keinen besonders guten Ruf, sie klingt nach Zeitverschwendung. Nach „Da passiert nichts“, nach etwas, das möglichst schnell beseitigt werden sollte. Dabei kann genau dieser Zustand interessant werden, denn wenn von außen nicht permanent etwas Neues kommt, beginnt unser Gehirn, sich mit dem zu beschäftigen, was schon da ist.
Gedanken dürfen wandern – Ideen dürfen sich verbinden.
Und ganz oft taucht dabei etwas auf, wonach wir gar nicht gesucht haben – ist das nicht wunderbar?
Das bedeutet natürlich nicht, dass wir jetzt alle stundenlang gelangweilt an die Wand starren müssen, aber vielleicht sollten wir aufhören, jede freie Minute sofort füllen zu müssen.
Und deshalb gibt es mit diesem Newsletter eine ziemlich anspruchsvolle Challenge.
Deine 10-Minuten-Nichts-Challenge
Nimm dir in den nächsten Tagen täglich 10 Minuten Zeit.
Und dann:
Tu nichts.
Kein Handy.
Kein Buch.
Keine Musik.
Kein Podcast.
Keine Atemübung.
Keine Meditation.
Du musst dich auch nicht besonders entspannen, du musst überhaupt nichts erreichen.
Setz dich irgendwo hin, schau aus dem Fenster, in den Himmel, auf einen Baum, auf Menschen, auf Tiere oder aufs Wasser (so wie ich gerade) oder starre einfach Löcher in die Luft und beobachte, was passiert.
Wie lange dauert es, bis du unruhig wirst? Wann kommt der Impuls, doch schnell aufs Handy zu schauen? Welche Gedanken tauchen auf?
Und vielleicht die spannendste Frage:
Was passiert, wenn du diesem Impuls einmal nicht sofort folgst?
Ich bin gespannt.