Die Antworten kamen recht schnell.
„Meine Frau.“
„Mein Mann.“
„Meine Kinder.“
„Mein Hund.“
„Meine Familie.“
„Mein Verein.“
Nach einiger Zeit meldete sich jemand aus der Runde und sagte ganz ruhig:
„Also wenn ich ganz ehrlich bin, meine Nummer Eins bin ich selbst.“
Für einen Moment wurde es still im Raum – diese Aussage hatte sichtlich Fragen in den Köpfen der Anwesenden aufgewirbelt.
Einige Teilnehmende schauten irritiert, andere schüttelten leicht den Kopf, andere nickten. In den Gesichtern spiegelten sich die unterschiedlichsten Gedanken:
„Ganz schön mutig, das so zu sagen.“
„Wie egoistisch ist das denn?“
„Das kann man doch nicht sagen.“
„Man stellt sich doch nicht selbst an die erste Stelle.“
Ich bin ganz ehrlich, ich war dankbar darüber – denn genau auf diese Aussage hatte ich gewartet bzw. gehofft, dass sie aus dem Kreis der Teilnehmenden kommt! Denn gerade im Bereich Stressmanagement, Resilienz und gesunder Selbstfürsorge begegnet mir immer wieder ein weit verbreiteter Irrtum:
Sich selbst wichtig zu nehmen wird häufig mit Egoismus verwechselt.
Dabei sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Wer sich selbst zur Nummer Eins macht, sagt nicht:
„Die anderen sind mir egal.“
Sondern:
„Ich übernehme Verantwortung für mich, damit ich langfristig für andere da sein kann.“
Wenn du dauerhaft deine eigenen Bedürfnisse ignorierst, deine Grenzen überschreitest und nur noch funktionierst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du irgendwann einen hohen Preis dafür bezahlst.
Erschöpfung, Überforderung, Stresssymptome und gesundheitliche Probleme können deine täglichen Begleiter werden. Die Neurowissenschaft zeigt uns inzwischen sehr deutlich, dass unser Gehirn auf Dauer nicht für permanentes Geben ohne Ausgleich gemacht ist.
Wer ständig eigene Bedürfnisse zurückstellt, aktiviert immer wieder die Stresssysteme im Körper. Cortisol und andere Stresshormone bleiben erhöht, das Gehirn befindet sich praktisch im dauerhaften Alarmmodus. Die Fähigkeit, klar zu denken, gute Entscheidungen zu treffen und emotional ausgeglichen zu bleiben, nimmt dabei deutlich ab.
Für mich selbst sorgen?
Anders sieht es aus, wenn wir lernen, gut für uns selbst zu sorgen.
Regelmäßige Erholung, bewusste Pausen, gesunde Grenzen und Selbstfürsorge aktivieren Bereiche im Gehirn, die mit Wohlbefinden, emotionaler Stabilität und Regeneration verbunden sind. Wir werden belastbarer, ausgeglichener und können auch anderen Menschen besser begegnen.
Natürlich gibt es Lebensphasen, in denen Selbstfürsorge nicht immer so möglich ist, wie wir es uns wünschen. Manchmal fordert uns das Leben im privaten Bereich, manchmal im Job – und manchmal sogar an mehreren Stellen gleichzeitig. Ich erlebe das aktuell selbst. Als Selbstständige, mit Familie und einer pflegebedürftigen Mutter weiß ich sehr gut, wie herausfordernd dieser Spagat sein kann.
Und genau deshalb ist mir eines besonders wichtig:
Selbstfürsorge bedeutet nicht, jeden Tag perfekt für sich zu sorgen. Es bedeutet auch nicht, sich zusätzlichen Druck zu machen. Viel wichtiger ist die innere Haltung: „Im Moment geht es vielleicht nicht so, wie ich es gerne hätte. Aber ich verliere mich selbst nicht aus dem Blick.“
Und dann bewusst die nächste Gelegenheit zu nutzen – sei es für ein paar Minuten Ruhe, einen Spaziergang, ein gutes Gespräch oder einfach einen Moment zum Durchatmen. Denn Selbstfürsorge ist kein Perfektionsprojekt. Sie beginnt dort, wo wir uns selbst immer wieder die Erlaubnis geben, wichtig zu sein.
Wenn es doch nur so einfach wäre
Interessanterweise fällt das vielen Menschen nach meiner Erfahrung unglaublich schwer, obwohl es den meisten eigentlich völlig bewusst ist. Warum ist das so?
Oft liegen die Gründe weit zurück und haben ganz viel mit der eigenen Lebensbiographie zu tun.
Vielleicht erkennt jemand die folgenden Sätze von früher:
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
„Stell dich nicht so an.“
„Sei nicht so egoistisch.“
„Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“
„Der Klügere gibt nach.“
Solche Botschaften prägen uns oft über viele Jahre. Sie werden zu inneren Antreibern, die uns leisten, funktionieren und für andere sorgen lassen – manchmal weit über unsere eigenen Grenzen hinaus. Und genau deshalb haben viele Menschen ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich selbst einmal an die erste Stelle setzen.
Dabei ist die entscheidende Frage nicht:
„Bin ich egoistisch?“
Sondern:
„Gehe ich genauso fürsorglich mit mir um, wie ich es mit anderen tue?“
Vielleicht bedeutet „Ich bin meine Nummer Eins“ gar nicht, sich über andere zu stellen.
Vielleicht bedeutet es einfach:
- auf die eigenen Bedürfnisse zu hören
- rechtzeitig Pausen zu machen
- Grenzen zu setzen
- Hilfe anzunehmen – auch wenn es schwerfällt
- freundlich mit dir selbst zu sprechen
- und dir die gleiche Wertschätzung entgegenzubringen, die du anderen ganz selbstverständlich schenkst
Denn am Ende gilt:
Du begleitest dich dein ganzes Leben lang – die Beziehung zu dir selbst ist die längste Beziehung, die du jemals führen wirst.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, ihr etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht aus Egoismus – sondern aus Selbstverantwortung. Und vielleicht darfst du dir heute einmal die Frage stellen:
Wer ist eigentlich deine Nummer Eins?
Probier‘s mal aus – ich bin gespannt!