Breakdance fahren!
Ja, genau! Dieses wilde Fahrgeschäft, bei dem sich alles dreht, die Musik laut ist und man ordentlich durchgewirbelt wird.
Viele Menschen, die mich kennen, können das kaum glauben. „Was? DU fährst Breakdance? Das passt ja überhaupt nicht zu dir!“ Mag sein – aber ich liebe es.
Ich kann nicht einmal genau erklären, warum. Vielleicht ist es die Musik, vielleicht das Drehen, vielleicht dieses wunderbare Gefühl, für ein paar Minuten einfach alles um mich herum zu vergessen. Ich sitze da drin, lasse mich durchwirbeln und bin einfach nur glücklich.
Und dieses Glück gehört tatsächlich ganz allein mir, denn bisher konnte ich noch niemanden aus meinem Umfeld überzeugen, mitzufahren. Dabei heißt es doch immer, geteiltes Glück sei doppeltes Glück. Nun ja, in diesem Fall genieße ich mein Glück eben ganz für mich allein.
Eine Extrarunde Glück
Auch dieses Jahr Anfang Oktober beim Volksfest auf dem Cannstatter Wasen, war es wieder so weit.
Und übrigens, so am Rande erwähnt, ich gehe ganz bewusst erst spät am Abend auf das Volksfest. Denn dann ist weniger los und die Fahrten dauern oft etwas länger, ich verlängere sozusagen meinen Glücksmoment, so auch an diesem Abend.
Ich saß also zwischen all den jungen Menschen – und ja, ich war mit großem Abstand die Älteste, das ist mir durchaus bewusst und manchmal fühlt es sich sogar ein bisschen seltsam an. Aber ganz ehrlich: Ist doch egal! Schließlich geht es um etwas ganz Tolles, über das ich mich sehr freue, und um meine Glückshormone, die dabei in hohem Maße ausgeschüttet werden.
Und irgendwann kam über das Mikrofon die Frage:
„Wollen wir noch eine Runde für die Mutti drehen?“
Meine Reaktion kennst du ja bereits – Arme hoch – begeistert genickt und weiter ging's! Ich glaube, ich habe bis über beide Ohren gestrahlt – was für ein schöner Abend!
Wenn das Glück plötzlich eine andere Bedeutung bekommt
Nur zwei Tage später erfuhr ich aus den Nachrichten, dass genau auf diesem Breakdance-Fahrgeschäft, auf dem ich gerade noch so glücklich meine Runden gedreht hatte, ein Unfall passiert war – mehrere Menschen wurden verletzt – ich war geschockt!
Mein erster Gedanke war: „Wow. Da habe ich aber Glück gehabt.“ Und plötzlich hatte dieses Wort für mich gleich zwei Bedeutungen.
Ich hatte Glück gehabt, weil ich etwas erleben durfte, das mich von Herzen glücklich macht und ich hatte Glück gehabt, weil mir bei meiner Fahrt nichts passiert war.
Zweimal Glück und doch zwei völlig unterschiedliche Arten davon.
Das Glück selbst in der Hand?!
Wie viel von unserem Glück haben wir eigentlich selbst in der Hand? Diese Frage begegnet mir auch immer wieder in meinen Coachings und Seminaren. Da sitzen Menschen, die viel leisten, Verantwortung tragen, sich engagieren und trotzdem manchmal das Gefühl haben, dass andere einfach mehr Glück haben:
„Warum wurde mein Kollege befördert und nicht ich? Ich habe doch mindestens genauso viel geleistet.“
„Warum bekommt der andere den spannenden Auftrag, obwohl ich genauso gut qualifiziert bin?“
„Warum ist die Kollegin mit ihrer Idee erfolgreich, während ich seit Monaten versuche, mein Projekt voranzubringen?“
Oder auch ganz unabhängig vom Beruf:
Warum schafft es der eine junge Fußballer in den Kader und der andere, mindestens genauso talentierte, nicht?
Warum findet jemand scheinbar mühelos die große Liebe, während andere jahrelang danach suchen?
Warum bleibt der eine gesund, während ein anderer plötzlich mit einer schweren Krankheit konfrontiert wird?
Wir alle kennen diese Gedanken – „Der hat aber Glück gehabt!“ Oder auch: „Warum eigentlich immer die anderen?“
Ich sag' ganz ehrlich, ich kann diese Fragen gut verstehen, denn natürlich fühlt es sich manchmal ungerecht an, wenn wir uns anstrengen und trotzdem nicht das bekommen, was wir uns wünschen.
Glück ist nicht gleich Glück.
Die Glücksforschung unterscheidet zwischen dem Glück, das uns zufällt, und dem Glück, das wir als Lebenszufriedenheit oder Wohlbefinden erleben. Auf das eine haben wir oft kaum Einfluss.
Wir können nicht alles planen, nicht jede Krankheit verhindern, nicht jede Entscheidung anderer Menschen beeinflussen. Und wir können schon gar nicht dafür sorgen, dass uns im Leben ausschließlich gute Dinge passieren. Auf eine andere Seite unseres "Glücks" haben wir durchaus Einfluss – ein sehr häufiges Thema im Coaching.
Nicht darauf, alles unter Kontrolle zu haben, sondern darauf, zu erkennen, wo wir selbst etwas bewegen können.
Wir können nicht immer beeinflussen, ob wir befördert werden, doch wir können das Gespräch mit dem Chef oder der Chefin suchen, unsere Stärken sichtbar machen und unsere Entwicklung aktiv gestalten.
Wir können nicht entscheiden, ob ein Kunde uns den Auftrag erteilt, doch wir können uns gut vorbereiten, Beziehungen pflegen und neue Möglichkeiten schaffen.
Wir können nicht verhindern, dass andere erfolgreicher sind als wir, doch wir können entscheiden, ob wir uns ständig vergleichen oder uns auf unseren eigenen Weg konzentrieren.
Und wir können uns ganz bewusst Zeit nehmen für Dinge, die uns Freude machen, für Menschen, die uns guttun, für kleine Erfolge, die wir sonst vielleicht übersehen würden oder für etwas völlig Verrücktes, bei dem andere nur verständnislos den Kopf schütteln.
So wie ich auf "meinem" Breakdance.
Natürlich lässt sich Glück nicht erzwingen und nicht jeder Mensch hat die gleichen Voraussetzungen – doch können wir unserem Glück immer wieder eine Tür öffnen.
"Glücklich ist, wer nie vergisst, was nicht zu ändern ist."
Diese Liedzeile aus der Operette "Die Fledermaus" singt meine Mutter immer wieder. Auch heute noch, mit ihren 87 Jahren und trotz ihrer Demenzerkrankung. Ich finde, darin steckt unglaublich viel Lebensweisheit. Meine Mutter ist für mich in dieser Hinsicht ein großes Vorbild.
Denn dieser Satz erinnert mich daran, wie viel Kraft wir manchmal darauf verwenden, uns über Dinge zu ärgern, die wir ohnehin nicht ändern können. Über Entscheidungen anderer Menschen, über verpasste Chancen, über Situationen, die anders gelaufen sind, als wir es uns gewünscht hätten.
Auch in Seminaren erlebe ich immer wieder, wie viel Energie Menschen in genau solche Gedanken investieren.
„Warum hat mein Chef so entschieden?“
„Warum erkennt niemand, was ich alles leiste?“
„Warum läuft es bei den anderen scheinbar so viel leichter?“
Das sind verständliche Fragen. Doch wenn wir gedanklich immer wieder darum kreisen, verlieren wir manchmal den Blick für das, was wir tatsächlich gestalten können. Womöglich übersehen wir dabei sogar das Glück, das gerade direkt vor uns liegt. Akzeptieren heißt dabei nicht, alles gut finden zu müssen. Es bedeutet vielmehr zu unterscheiden:
Kann ich etwas verändern? Dann werde ich aktiv.
Liegt es außerhalb meines Einflussbereichs? Dann darf ich lernen, es loszulassen.
Und das gelingt sicherlich nicht immer – mir jedenfalls nicht. Jedoch finde ich, es ist ein wunderbarer Gedanke, an den wir uns immer wieder erinnern dürfen.
Und manchmal ist das Glück erstaunlich klein.
Wir kennen sie alle, diese Empfehlung, abends drei Dinge aufzuschreiben, für die wir dankbar sind oder die uns glücklich gemacht haben. Vielleicht hast du es sogar schon einmal ausprobiert und vielleicht denkst du jetzt: Ja, ja, das weiß ich doch längst. Aber Hand aufs Herz: Machst du es auch?
Dabei zeigen Untersuchungen aus der positiven Psychologie, dass solche kleinen Übungen unsere Aufmerksamkeit für positive Erlebnisse stärken und unser Wohlbefinden fördern können. Nicht immer (und nicht bei jedem gleich), jedoch oft genug, um zu sagen, dass es sich lohnt.
Denn unser Gehirn nimmt unangenehme Erfahrungen häufig besonders stark wahr. Das ist aus evolutionärer Sicht durchaus sinnvoll, schließlich war es für unsere Vorfahren wichtiger, eine Gefahr zu erkennen, als sich lange über einen schönen Sonnenuntergang zu freuen. Nur bedeutet das eben auch, dass wir den schönen Dingen manchmal ganz bewusst mehr Aufmerksamkeit schenken müssen:
Dem freundlichen Lächeln einer fremden Person, dem ersten Schluck Kaffee am Morgen, einem guten Gespräch mit einem Kollegen, einem kleinen Erfolg, der im Trubel des Arbeitsalltags beinahe untergegangen wäre. Oder auch dem Gefühl, nach einem anstrengenden Tag zufrieden nach Hause zu kommen.
Es geht gar nicht darum, das Leben schönzureden, es geht darum, das Schöne nicht zu übersehen. Das hat natürlich viel mit unserer inneren Haltung zu tun. Eine Haltung, an der wir arbeiten können. Im Alltag, im Beruf und manchmal mit Unterstützung durch ein Coaching oder Seminar. Vielleicht verändert sich dadurch auch unser Blick auf das vermeintliche Glück der anderen.
Wir müssen nicht immer vergleichen, wer mehr Glück hat, wer erfolgreicher ist oder bei wem scheinbar alles leichter läuft. Wir dürfen einfach unser eigenes Glück entdecken und im besten Falle auch selbst dafür sorgen, dass wir glücklich sind.
Was bleibt also von meiner Extrarunde für die Mutti?
Vor allem eine wunderschöne Erinnerung und die Erkenntnis, dass Glück manchmal einfach passiert, dass wir es nicht festhalten, planen oder kontrollieren können. Und dass wir gleichzeitig viel dafür tun können, glückliche Momente in unser Leben einzuladen.
Ich glaube, beides gehört zusammen – das Glück, das uns zufällt und das Glück, dem wir selbst entgegengehen. Oft verstehen wir erst im Rückblick, warum manches so gekommen ist, wie es gekommen ist und vielleicht müssen wir auch gar nicht immer alles verstehen. Manchmal reicht es einfach, den Moment zu genießen.
Und jetzt mein kleiner Impuls für dich:
Überlege doch einmal, was deine ganz persönlichen "Breakdance-Momente" sind. Was macht dich so richtig glücklich? Was lässt dich für einen Moment den Alltag vergessen? Und wann hast du dir das letzte Mal ganz bewusst Zeit dafür genommen?
Vielleicht magst du dir in den nächsten Tagen drei Fragen stellen:
- Was liegt gerade in meinem Leben außerhalb meines Einflussbereichs und was darf ich vielleicht ein Stück weit loslassen?
- Wo kann ich selbst aktiv werden, statt darauf zu warten, dass mir das Glück zufällt?
- Und welchen kleinen oder großen Glücksmoment möchte ich mir in dieser Woche ganz bewusst gönnen?
Vielleicht entdeckst du dabei etwas, das du längst vergessen hast, oder du merkst, dass dein Glück manchmal viel näher liegt, als du denkst. Und wer weiß: Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, deinem Glück wieder ein bisschen mehr Raum zu geben.
Ich werde jedenfalls beim nächsten Stuttgarter Volksfest wieder vor dem Breakdance stehen. Und wenn dann jemand fragt:
„Mutti, wollen wir noch eine Runde drehen?“
Dann kennst du meine Antwort.
Arme hoch. Und los!